Hummel
 

Dick und Dünn

Über den Zusammenhang von Magersucht und "Gesundheitsaufklärung"

Schulmedizin und Magersucht teilen eine Phantasie:

Beim Abnehmen verschwindet Unwichtiges spurlos.

Aber Schulmedizin und Magersucht unterscheiden sich darin, wo sie die Grenze ansetzen, von der an Wichtiges beginnt.

Wo liegt die Grenze, von der an Wichtiges beginnt?

Mit der BMI-Propaganda in den Medien, mit der Messpraxis in den Behandlungs- und immer mehr auch Kinderzimmern wird gerade diese Grenze als Empfindungsqualität dispensiert. Man ersetzt sie gegen eine Skala, in der sich Grenzen nurmehr noch per Deklaration behaupten lassen.

In den Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kinder- und Jugendalter wurden die BMI-Referenzwerte nach dem Motto festgelegt:

93. Perzentil? Nö, eher nicht. 97. Perzentil? Ja, das nehmen wir doch mal, weil mathematisch hübscher!

Du meinst zu fühlen, ob dein Körper okay ist, Kind? Pah! Hier ist eine hübsche Tabelle, da schauen wir jetzt nach, ob dein Körper okay ist! – Ach, du hast Probleme mit deinem Körpergefühl? Wie erstaunlich, wie erstaunlich!

Einem Kind per Online-BMI-Rechner oder anders mitzuteilen: „Du bist zu dick“, ist in unserer Gesellschaft kaum möglich, ohne zugleich zu sagen: „Du kannst nicht glücklich sein“.

Wenn daher ein Kind – eigenmächtig oder fachlich oder elterlich angeleitet – Körpergewicht abbaut, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es nicht einfach nur für eine gute Figur kämpft, sondern darüber hinaus auch um die Erlaubnis und Möglichkeit, glücklich und schön zu sein – und das heißt, dass es um sein Leben kämpft.

Immer mehr Kinder aller Gewichtsklassen werfen ängstliche Blicke auf die Anzeigen von Personenwaagen, weil ein Zuviel an Körpergewicht – wie sie ganz richtig begreifen – lebenslanges Leid und Unglück verheißt. Um diesem Schicksal zu entgehen, sind Kinder angemessenerweise bereit, sich selbst zu geißeln und sogar ihr Leben einzusetzen.

Für viele Patientinnen, heißt es bei Magersucht-Online, scheint der Versuch, Kontrolle über ihr Körpergewicht ausüben zu können, ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Das Körpergewicht wird eine wichtige Quelle für ihr Selbstwertgefühl.

Anti-Übergewichts-Propaganda à la Online-Familenhandbuch und PowerKids vermittelt: Du kannst über die Kontrolle des Körpergewichts Sicherheit erlangen. Und: Das Körpergewicht ist die Quelle des Selbstwertgefühls.

Was sind PowerKids?, fragt PowerKids, dessen Miterfinder, ein Professor, von Kellogg finanzierte "wissenschaftliche Ernährungsinformationen" verbreitet, und antwortet den Kindern: Das sind starke Kids, die trainiert haben, wie sie gut und lecker essen. Das sind lustige Kids, die eine gute Figur machen. Das sind Kids, die zufrieden sind.

Den "Idealtypus" einer Magersuchtsfamilie beschreibt magersucht.de so:

Magersuchtsfamilien scheuen sich vor dem „Gerede der Nachbarn“. Die Normen der Umgebung werden Gesetz.

Die "Gesundheitsaufklärung" sorgt dafür, dass Eltern dicker Kinder ins "Gerede der Nachbarn" kommen, und die Schulmedizin verleiht Körpernormen Gesetzescharakter, indem sie statistisches Zahlenmaterial in wissenschaftlich unseriöser Weise auf Individuen anwendet.

Magersüchtige verlassen, indem sie dünner und dünner werden, die Zwangsjacke familiärer oder gesellschaftlicher Gleichmacherei durch die Halsöffnung. Einen weniger gefährlichen Weg gibt es nicht, wenn die Zwangsjacke so sehr Zwang ist, dass ein Kind sie nicht zu sprengen vermag. Zu Recht nehmen Magersüchtige die von der Schulmedizin gesetzte 3. Perzentil Grenze nicht persönlich. Der Vergleich mit dem Soll entpersonifiziert, und bei der Magersucht geht es gerade um das Personsein. Zugleich sind aber viele Kinder schon so weit in die Verleugnung ihrer Selbstempfindung eingetreten – wenn sie Selbstempfinden überhaupt entwickeln durften –, dass der Grenze, von der an Wichtiges beginnt, als Empfindungsqualität die nötige Bedeutung für das Handeln fehlt. Glaube an Autoritäten wird da überlebenswichtig. Entsprechend dringend bitten nicht-magersüchtige Kinder auf Ungesundleben-Seiten nach einer Fremdbewertung ihres körperlichen Zustands.

Für Erwachsene ist Ernährungskontrolle weitaus ungefährlicher als für Kinder, insofern die meisten Erwachsenen im Verlauf ihres Lebens Gelegenheit hatten, sich der Grenze, von der an Wichtiges beginnt, gewiss zu werden. Um z.B. ohne Selbstgefährdung weniger oder anders essen zu können, als man eigentlich möchte, muss man genau wissen, wie viel und was man eigentlich essen möchte. Die oft unfreiwillige Unterbrechung von Diäten schützt dies Wissen vor Vergessen und Verdrängung. Kinder über permanente Ernährungskontrolle oder gar Diäten dies Wissen gar nicht erst entwickeln zu lassen, bedeutet, sie von den Zahlen und Deklarationen der Medizin und Ernährungsberatung körperlich abhängig zu machen.

Die Form der Selbstkontrolle, die magersüchtige Kinder im Rahmen ihrer sozialen Anpassung und Leistungsorientierung erlernt haben und in deren Resultat die Nicht-Anerkennung „der Medizin“ als Souverän über den eigenen Körper lebensbedrohlich ist, erlernen auf der Gesundheitshauptstraße alle Kinder.

Totaler und zugleich verborgener könnte Macht kaum wirken. Es ist eine Macht, die alle Kinder gleich behandelt, indem sie sie über denselben BMI-Kamm schert; eine Macht, die extrem leistungsorientiert ist, weil sie aus der Befriedigung von Bedürfnissen – sei es nach Essen, sei es nach Bewegung – eine kontrollierte Leistung werden lässt; eine Macht, die alle Kinder misshandelt, indem sie ihnen das Selbstempfinden als Regulator ihrer Handlungen nimmt.

2011-03-08 | Impressum und Kontakt